Archive

2019 „Frank & Frei“ Müller-Thurgau trocken

Weingut Huller, Triefenstein

Nachdem momentan der bevorstehende Herbst von einem goldenen Spätsommer angekündigt wird, möchte ich noch einmal die sich bietende Gelegenheit nutzen und einen herrlich frischen, eher leichten Weißwein vorstellen.

Für diesen Anlass eignet sich kaum ein Wein besser als ein trockener Müller-Thurgau von einem der Mitgliedsbetriebe der Winzervereinigung „Frank & Frei“. Ist man doch Mitte der 1990er Jahre von Seiten dieser Gruppierung angetreten, das arg ramponierte Image der Sorte gründlich aufzupolieren. Der Müller beanspruchte damals mehr als die Hälfte der fränkischen Rebfläche und galt vielen Weintrinkern als Massenträger, welcher überwiegend zu belanglosen Literflaschenweinen verarbeitet wurde. Und an diesem (Vor-)Urteil war leider auch etwas dran, wie man ehrlicherweise konzedieren muss.

Der Beweis, dass man der Sorte damit Unrecht tut bzw. tat, ist längst erbracht. Und dieser Verdienst gebührt zu einem nicht geringen Anteil der Frank-&-Frei-Gruppierung. Legte man sich doch damals – was heute natürlich nach wie vor gilt – freiwillig entsprechend strenge Regeln auf. An erster Stelle sind hier rigorose Mengenbegrenzungen zu nennen. Weiterhin wurde ein Korridor festgelegt, wie der Ausbau der Weine zu erfolgen hat, damit er einem definierten Geschmacksprofil entspricht. Die Weine wurden und werden entsprechenden blind von allen beteiligten Winzern verkostet, bevor sie unter dem Label „Frank & Frei“ vermarktet werden dürfen.

Michael Huller aus Triefenstein liefert mit seinem trockenen 2019er Müller-Thurgau „Frank & Frei“ quasi den Prototyp eines modernen Sortenvertreters. Fruchtig (reifer Apfel, etwas Ananas), aber nicht zu „knallig“ in der Nase. Der Wein verbreitet eine unheimliche Frische, spontan fühle ich mich an eine Frühlingswiese nach einem Regenschauer erinnert. Zu den fruchtigen und floral-frühlingshaften Noten gesellen sich aber auch noch hefig-mineralische Akzente.

Am Gaumen präsentiert er sich schön trocken mit einer (trink)animierenden, aber harmonisch reifen Säure. Im Nachhall dominieren Frucht und Würze begleitet von einer herben, leicht phenolischen Note. Wie ein Biss in einen saftig-reifen Apfel alter Provenienz. Sie wissen, was ich meine. Nicht die weichgespülten Supermarktsorten von heute. Sondern die mit Säure und Biss, wo saftige Frucht, lebendige Säure und feine Gerbstoffe Ping-Pong spielen am Gaumen.
So geht Müller im 21. Jahrhundert.

2018er Röttinger Feuerstein Tauberschwarz

Weingut Poth, Röttingen

Darf ich vorstellen? Die wenigsten unter Ihnen dürften die vor einigen Jahrzehnten noch als ausgestorben angenommene autochthone Rebsorte Tauberschwarz kennen. Ihr Name zeugt bereits von Ihrer regionalen Herkunft und tatsächlich ist ihr Verbreitungsgebiet nach Ihrer Wiederentdeckung und -belebung in den Jahrzehnten nach 1960 auf die Region entlang der Tauber vom fränkischen Röttingen über Weikersheim in Württemberg bis nach Lauda-Königshofen und Beckstein im Badischen begrenzt geblieben. Mit gerade einmal 12 Hektar Anbaufläche gehört die Sorte zu den absoluten Raritäten und Spezialitäten. So mag es auch kaum verwundern, dass der Tauberschwarz von der Vereinigung Slow Food in ihre „Arche des Geschmacks“ aufgenommen wurde.

Das Weingut Poth aus Röttingen ist aufgrund seiner geographischen Situation geradezu prädestiniert, das Banner dieser historischen Rebe hochzuhalten. Sein 2018er Tauberschwarz aus der bekannten Lage „Röttinger Feuerstein“ zeigt exemplarisch auf, wofür die Sorte steht, da er alle drei genannten Kriterien in sich vereint:

Helle bis mittlere Farbe: In Anbetracht der Namensgebung könnte man ja durchaus einen tiefdunklen Rotwein erwarten. Da der Tauberschwarz eine dünne Beerenhaut hat, in der wenig Farbstoffe gebildet und eingelagert werden, sind seine Weine aber eher von hellroter Farbe.
Rotbeerige, eher säuerliche Fruchtanmutung: Besonders typisch ist eine ausgeprägte Kirschfrucht.
Zartbittere Geschmackseindrücke am Gaumen bzw. im Nachhall.

Farblich überzeugt unser 2018er Tauberschwarz durch ein strahlendes Purpurrot mittlerer Tiefe mit zarten Wasserrändern. Die Nase wird geprägt durch eine reintönige Kirschfrucht (Weichsel), welche durch feine Anklänge nach Kräutern und rauchige Noten ergänzt wird.

Insgesamt entsteht der Eindruck eines nordischen, eher kühl und straff gewirkten Rotweins.

Die Eindruck wird dann auch am Gaumen mit dem ersten Schluck prompt bestätigt. Der Wein hat eine präzise, feine Säure, welche ihm eine eher schlanke Anmutung verleiht. Die Tannine sind sehr feinkörnig und werden sowohl von der Säure als auch den so sortentypischen (Zart)Bitternoten überlagert. Die Frucht spielt am Gaumen eigentlich nur die zweite Geige. Im Gegensatz zur Nase mit ihren dominanten Weichselnoten kommt am Gaumen zusätzlich eine schöne Brombeernote zum Tragen.

Wir haben es hier mit einem ganz traditionell maischevergorenen, wirklich trockenen Rotwein zu tun. Charaktervoll, eigenständig und rar ist er allemal. Preislich kann man auch nicht meckern. Der ansonsten so gerne aufgeschlagene Exoten- bzw. Raritätenbonus ist hier entfallen.

 

2019 Spätburgunder Weißherbst trocken

Weingut Manuel Sauer, Nordheim

Bei vielen Weingenießern passt sich das Trinkverhalten an die Außentemperaturen an. Während im 2019-spaetburg-weissherbst-trocken-schlegelHerbst und Winter bevorzugt Rotwein konsumiert wird, gern auch kräftigere Vertreter der Gattung mit Holzfassreife, so werden im Frühjahr und Sommer bei Sonnenschein und warmen bis heißen Umgebungstemperaturen oft frische Weißweine als auch Roséweine präferiert. Nichts gegen einen leichten bis mittelkräftigen, leicht gekühlten, fruchtigen Rotwein zum sommerlichen Grillvergnügen. Aber bei der momentanen Gluthitze sind leichtere, frische Weiß- und Roséweine einfach die bessere Wahl. Hardcore-Rotweintrinker einmal an dieser Stelle ausgeklammert.

Sommerzeit ist Rosézeit. Deshalb präsentiere ich Ihnen bewusst nach dem spannenden Merlot Rosé vom Weingut am Spielberg von letzter Woche heute einen herrlich erfrischenden Spätburgunder Weißherbst von Winzer Manuel Sauer aus Nordheim. Hier in aller Kürze die Unterschiede zwischen Weißherbst und Rosé:

Ganz grundsätzlich dürfen Rosé-Weine nur aus roten Trauben gekeltert werden. Allerdings steht es dem Winzer frei, mehrere Rotwein-Sorten zu verwenden. Der Weißherbst ist im Prinzip auch ein Rosé-Wein, für welchen aber jeweils nur eine Rebsorte zugelassen ist, das heißt, er muss sortenrein gekeltert werden. Außerdem handelt es sich immer mindestens um einen Qualitätswein. Rosé-Weine können auch der Kategorie der Tafelweine angehören. Besonders gern verwenden deutsche Winzer für ihre Weißherbst-Weine die edle Sorte Spätburgunder.

Hier nun einige Unterschiede zwischen dem Weißherbst von Manuel Sauer und seinem Wein-der-Woche-Vorgänger:

Punkt eins: die Rebsorte. Letzte Woche der Global Player Merlot, heute die typisch deutsche, weit verbreitete Sorte Spätburgunder.

Zweitens: die Farbe. Der Merlot mit kräftiger, fast schon rotweinhafter Farbe. Der Spätburgunder Weißherbst mit wesentlicher hellerer, lachsrosa Farbe.

Drittens: Duft und Geschmack. Der Merlot weiß durch seine Intensität und Würze in Frucht und Geschmack zu begeistern. Der Spätburgunder von Manuel Sauer liefert den Gegenentwurf mit seiner zarten, eher eleganten Anmutung, sowohl im Duft als auch am Gaumen.

Zusammenfassend lässt sich der Spätburgunder Weißherbst von Manuel Sauer so beschreiben: eher zarte, lachsrosa Farbe. Im Duft fast schwebend, feine Anklänge von Erdbeere, ganz zarte Würznoten und florale Anmutung (Frühlingswiese). Am Gaumen dann von leichtem bis mittlerem Körper mit erfrischender Säure. Summa summarum handelt es sich um einen tollen Sommerwein, der mit seiner eher leichten und spritzigen Art zu begeistern vermag. Bitte unbedingt gut gekühlt servieren (4 – 6 ° Celsius). Warm wird er von allein. Und das sehr schnell bei den momentanen Temperaturen.

2018 Mainstockheimer Gelber Muskateller trocken

Weingut Dr. Heigel, Zeil am Main

“Drinking History“: So könnte das Motto in Bezug auf den heute von mit vorgestellten Wein lauten. Gehört der Muskateller doch zu den großen historischen Traubensorten und Weinnamen dieser Welt. 2018-gelbermuskateller-schlegelMöglicherweise handelt es sich um die älteste bekannte Sorte überhaupt. In Frankreich ist sie die am längsten kultivierte Rebe und wurde von den Römern nach Gallien in die Gegend um Narbonne (Muscat de Frontignon) gebracht. Eventuell wurde sie sogar schon noch früher von den Griechen in der Region Marseille eingeführt. Für Deutschland ist ihr Anbau bereits für das 12. Jahrhundert nachgewiesen.

Von Plinius wurde die Sorte als „uva apiana“, Bienentraube, bezeichnet, da diese durch ihren starken Duft besonders angezogen werden. Daneben werden aber auch Fliegen besonders angelockt, weshalb man annimmt, dass der Name Muskateller vom lateinischen „musca“, Fliege, kommt.

Innerhalb der weitverzweigten Familie der Muskateller-Trauben genießt unser Gelber Muskateller (Muscat Blanc à Petits Grains) den Ruf als hochwertigster und edelster Vertreter. Im Gegensatz zu den großen, ovalen Beeren des Alexandria-Muskatellers, aus welchen der berühmte Moscato Passito di Pantelleria bereitet wird, sind seine Beeren klein, rund und voller Konzentration.

Mit knapp 250 Hektar Gesamtfläche in Deutschland kann er zu den absoluten Spezialitäten gezählt werden. In Franken muss die Sorte mit einer Verbreitung von 4 Hektar sogar zu den Raritäten gerechnet werden.

Eine Eigenschaft macht den Muskateller zu etwas ganz Besonderem: Seine reifen Trauben schmecken, ähnlich wie beim Gewürztraminer, fast genauso wie der spätere Wein, welcher
von seiner Art her ein ausgeprägtes, feinblumiges, bisweilen muskatwürziges Bukett besitzt.

Der fränkisch trockene Muskateller vom Weingut Dr. Heigel besitzt für einen Wein dieser Sorte aus einem nördlichen Anbaugebiet viel Kraft und Substanz. Er kommt mit kräftig strohgelber Farbe ins Glas und verbreitet in der Nase sein intensives Parfum. Neben einer reifen Pfirsichfrucht kommen florale Noten (Flieder), ätherische Orangenzestentöne und eine leicht muskatartige Würze zum Vorschein. Die Duftigkeit ist aber nicht übertrieben und aufgesetzt, sondern vielmehr gezügelt und wohldosiert.

Am Gaumen tritt zunächst die pfirsichfruchtige Note aus der Nase in Erscheinung, welche im Nachhall durch erdige Anklänge und feine Bitternoten ergänzt wird. Die Säure ist für ein Hitzejahr wie 2018 mit 6,6 g/l erfreulich hoch und sorgt für Frische und Lebendigkeit. Solch ein kraftvoller, trockener Muskateller lässt sich wunderbar zum Aperitif genießen oder als Begleiter zu scharfen asiatischen Gerichten. Auch ein gebratener Wild-Fasan mit Sauerkraut und Weintrauben würde sich über seine Begleitung freuen. Das kräftige Wildfleisch verlangt nach einem aromatischen Wein als Begleiter.

2017 Randersackerer Marsberg Traminer trocken

Weingut Martin Göbel, Randersacker

Eines muss man dem Weingut Martin Göbel aus Randersacker wirklich lassen: Mit geradezu nibelungenhafter Treue hält es der extrem seltenen Neuzüchtung Albalonga (2 2017-marsberg-traminer-trocken-roots-schlegelHektar in Franken) die Stange und keltert seit Jahrzehnten faszinierende, nach allerlei exotischen Früchten duftende Süßweine aus ihr.

Das soll aber heute nicht weiter das Thema sein. Vielmehr wenden wir uns einer anderen „exotischen“ Sorte zu, welcher aber im Gegensatz zur Albalonga-Rebe, eine jahrhundertealte Anbautradition hat und mit etwas mehr als 1.000 Hektar Fläche zum Glück auch noch recht weit verbreitet ist. Und das bei sogar leicht steigender Tendenz.

Der Wein, welchen ich Ihnen heute vorstellen möchte, stammt aus der „Roots-Linie“ des Weinguts, in welche nur die Trauben der ältesten Rebstöcke der jeweiligen Sorte Eingang finden. Die Traminer-Stöcke für unseren „Wein der Woche“ stehen in einem der steilsten Abschnitte des „Randersackerer Marsberg“ und sind auch gleichzeitig die ältesten Reben, über die das Weingut verfügt. Also beste Voraussetzungen für einen echten Spitzenwein.

Und was soll ich sagen. Martin Göbel hat die glänzenden Voraussetzungen bestens genutzt bzw. umgesetzt und einen unglaublich guten, absolut trockenen Traminergekeltert. Solch ein trockenes Exemplar (2,2 g/l Restzucker) hatte ich meiner Erinnerung nach noch nie im Glas.

Was mir beim ersten Riechen am Glas sofort aufgefallen war, ist bei aller rosenduftigen Sortentypizität die ausgeprägte, kalkige Mineralität, welche in dieser Form beim Traminer sonst nicht so ausgeprägt zutage tritt. Dies könnte in der Tat auf das hohe Alter der Rebstöcke und das damit verbundene tiefe Eindringen der Wurzeln in den Boden zurückzuführen sein.
Ansonsten finden sich in der Nase sämtliche Schätze, welche ein sehr guter Sortenvertreter zu bieten hat: Anklänge von Heckenrose, ein Hauch Lychee, Marzipannoten und Spuren ätherischer Öle (Orange).

Am Gaumen dann die Überraschung. Oft haben Traminer ein kleines Zuckerschwänzchen, selbst im trockenen Bereich oder werden gleich restsüß bis lieblich ausgebaut. Der 2017er Traminer von Martin Göbel ist kompromisslos trocken und rinnt mit für die Sorte ungewohnter Schlankheit und Eleganz über die Zunge. Nicht dass wir uns falsch verstehen: Der Wein ist hocharomatisch und kleidet den Gaumen komplett aus, aber er ist eben nicht fett und von öliger Textur wie viele seiner Artgenossen. Lediglich seinen Alkoholgehalt kann er am Gaumen nicht zur Gänze verbergen. Deshalb würde ich ihn auch unbedingt als Speisenbegleiter einsetzen. Mit seinem ellenlangen Nachhall und den ausgeprägten Gewürznoten im Geschmack begleitet er eine Geflügelleberterrine, scharfe asiatische Gerichte oder eine gemischte Käseplatte ganz wunderbar. Chapeau!Ein Traminer der neuen Generation: knochentrocken, würzig-mineralisch, überhaupt nicht kitschig.